Gemeinsames Gedenken in Hildburghausen: Ein starkes Zeichen gegen das Vergessen
Gemeinsames Gedenken in Hildburghausen: Ein starkes Zeichen gegen das Vergessen
Hildburghausen, 08. Mai 2026 – Am heutigen 81. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus und dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa versammelten sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger sowie Repräsentanten des öffentlichen Lebens auf dem Hauptfriedhof in Hildburghausen. Zu der feierlichen Kranzniederlegung hatten der Kreisverband DIE LINKE und die Stadtverwaltung Hildburghausen gemeinsam eingeladen. In einer Atmosphäre der Stille und Hochachtung wurde der Millionen Opfer des Nationalsozialismus gedacht und die zeitlose Mahnung zum Frieden kraftvoll erneuert.
Da der Bürgermeister der Stadt Hildburghausen kurzfristig verhindert war, wurde die Stadt durch offizielle Repräsentanten vertreten. Gemeinsam mit Landrat Sven Gregor, Vertretern des Kreisverbandes Die Linke Hildburghausen sowie Mitgliedern des VVN-BdA Südthüringen (Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) boten die Anwesenden ein würdevolles Bild der Geschlossenheit über Parteigrenzen hinweg.
Lehren aus der Geschichte für die Gegenwart
Im Zentrum der Redebeiträge stand die Überzeugung, dass Gedenken kein rein ritueller, rückwärtsgewandter Prozess sein darf, sondern eine aktive Verpflichtung für das Hier und Jetzt darstellt.
Johannes Schilling, Kreisvorsitzender der LINKEN, fand in seiner Ansprache deutliche Worte zur aktuellen Weltlage. Er mahnte an, dass der Friede in Europa und der Welt ein zerbrechliches Gut geblieben sei.
„Unser heutiges Handeln, unser Eintreten für soziale Gerechtigkeit und gegen jede Form von Ausgrenzung ist der wahre Gradmesser dafür, ob wir als Gesellschaft wirklich aus der Geschichte gelernt haben.“
Landrat Sven Gregor schlug in seinen Worten eine bewegende Brücke zur internationalen Verständigung. Er berichtete eindrücklich von seinen persönlichen Erfahrungen und Begegnungen in der französischen Partnerstadt. Die dortige tief verwurzelte Gedenkkultur diene als bleibende Warnung vor den verheerenden Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen und als Beweis für die Kraft der Versöhnung. „Mit unserer heutigen Teilnahme setzen wir ein deutliches Zeichen gegen das Vergessen und gegen jene Stimmen, die die Geschichte relativieren wollen“, betonte Gregor mit Blick auf die besondere Verantwortung der heutigen Generation.
Feierlicher Abschluss und Mahnung
Die Beisitzerinnen Cathleen Wegener und Kathrin Reinhardt bereicherten die Zeremonie durch Beiträge, die den historischen Widerstand gegen das NS-Regime würdigten. Sie hoben hervor, dass der Mut derer, die sich damals gegen das Unrecht stellten, heute als Kompass für zivilgesellschaftliches Engagement dienen müsse. Demokratie, so der Tenor, sei kein statischer Zustand, sondern müsse täglich neu verteidigt werden.
Die Zeremonie fand ihren würdigen Abschluss in der feierlichen Niederlegung von Blumengebinden an den Gedenkanlagen für die Gefallenen der alliierten Streitkräfte sowie an den Stätten, die an die Opfer der Gewaltherrschaft erinnern. Das stille Verharren der Anwesenden unterstrich den Konsens des Tages: Nie wieder.
Anlage: Die Redebeiträge im Wortlaut (Auszüge)
I. Rede von Johannes Schilling (Kreisvorsitzender)
„08. Mai 2026 - 81 Jahre nach der Befreiung Deutschlands aus der schrecklichen Herrschaft des Naziregimes.
“Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg” - Worte, die heute eine schmerzhafte Aktualität besitzen, wie wir sie lange nicht mehr für möglich gehalten hätten. Was einst als historisches Vermächtnis und fest verankertes Fundament unserer Gesellschaft galt, wird angesichts der globalen Erosion demokratischer Werte und der Rückkehr bewaffneter Konflikte im Herzen Europas und darüber hinaus zur akuten Mahnung.
Diese Sätze sind keine bloßen Echos der Vergangenheit; sie sind aktive Handlungsanweisungen für die Gegenwart. In einer Zeit, in der populistische Strömungen zunehmen und diplomatische Kanäle durch Aggression ersetzt werden, zeigen uns diese Doktrinen auf, das Frieden und Freiheit keine Selbstverständlichkeiten sind.
Sie verpflichten uns dazu, Haltung zu zeigen, Institutionen zu schützen und den Dialog dort zu suchen, wo Schweigen oder Gewalt zu gewinnen drohen. Unser heutiges Handeln ist der Gradmesser dafür, ob wir aus der Geschichte wirklich gelernt haben.
Nicht zuletzt die Konflikte in Osteuropa oder zwischen USA, Israel und dem Iran zeigen uns, wie verletzlich unser sicher geglaubter Frieden tatsächlich ist.
Margot Friedländer mahnte zeitlebens mit den schlichten, aber gewaltigen Worten: “Seid Menschen.”
Sie betonte unermüdlich:
“Nie wieder soll auch nur einem Menschen das zugefügt werden, was damals mit Menschen gemacht wurde, weil Menschen nicht als Menschen anerkannt wurden.”
Diese Worte sind weit mehr als ein historisches Zität; sie sind ein zeitloser Aufruf und ein dringlicher Appell an unsere Menmschlickeit. In einer Welt, die oft von Spaltung geprägt ist, führen sie uns usnere solidarische Grundhaltung und unsere gemeinsame Verantwortung füreinander vor Augen. Margot Friedländer lehrte uns, dass Wachsamkeit gegenüber Ausgrenzung nicht verhandelbar ist.
Morgen (09. Mai 2026) jährt sich ihr erster Todestag. Es ist ein Tagm dem wir nicht nur einer beeindruckenden Zeitzeugin und mutigen Versöhnerin gedenken, sondern auch ihr Vermächtnis als Auftrag für die Zukunft begreifen. Wir erinnern uns an eine Frau, die trotz unvorstellbaren Leids die Liebe zur Menschheit nie verlor und uns damit ein unvergängliches Vorbild bleibt.
Lasst ihre Worte un unser tägliches Tun einfließen, auf dass wir in Deutschland und der Welt menschlich und friedlich in Gemeinschaft leben können.
Nie wieder Faschismus - nie wieder Krieg!“
II. Rede von Cathleen Wegener (Beisitzerin)
"Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter, liebe Gäste, liebe Freundinnen und Freunde,
heute am 8. Mai ist für uns ein Tag der Dankbarkeit, aber auch der Mahnung. Wir gedenken der Opfer und würdigen die Befreier.
Vor wenigen Tagen erst wurde in Buchenwald und in Mittelbau-Dora den 81. Jahrestag der Befreiung jener Konzentrationslager begangen, die für die unfassbaren Verbrechen des NS-Regimes stehen. Dass diese Lager am 11. April 1945 befreit werden konnten, dass die SS floh und das Morden ein Ende fand, verdanken wir dem unaufhaltsamen Vormarsch der alliierten Streitkräfte.
Bereits am 1. April 1945 überquerten US-Truppen bei Creuzburg die Werra und drangen nach Thüringen vor. In nur 16 Tagen besetzten amerikanische Divisionen ganz Thüringen. Sie befreiten nicht nur Buchenwald und Mittelbau-Dora, sondern auch das unscheinbare Ohrdruf, dessen Anblick selbst den hartgesottenen General Patton zutiefst erschütterte. Es war der Anfang vom Ende eines verbrecherischen Systems. Der 8. Mai 1945 brachte endlich die bedingungslose Kapitulation, das Ende dieses mörderischen Krieges in Europa.
Die ersten Wochen der amerikanischen Besatzung waren eine kurze Zeit der Hoffnung auf Demokratie, bevor aus den politischen Ränkespielen der Siegermächte neue Demarkationslinien entstanden. Im Juli 1945 übernahmen dann sowjetische Truppen die Kontrolle über Thüringen. Auch ihnen, den Rotarmisten, die ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus ließen, gilt unser heutiges Gedenken – ungeachtet der späteren politischen Entwicklungen.
Unsere Aufgabe heute soll es sein das Gedenken aufrecht zu erhalten, nicht zu vergessen. Mit Blick auf die Welt, aber auch gerade im Landkreis Hildburghausen erleben wir Menschen die geschichtsvergessen, geradezu geschichtsrevisionistisch, nach der Rückkehr zum „alten“ Deutschland verlangen. Die NS-Symbolik nutzten und das Hilter-Regime verherrlichen. Erstarkende rechtsextreme Kräfte in unseren Parlamenten, aber auch in unseren Stammkneipen, setzen unserer Demokratie immer mehr zu.
Der 8. Mai markiert das Ende einer Schreckensherrschaft, die Leid über das Leben von Millionen Menschen gebracht hat. Dieses Leid können wir nicht ungeschehen machen, aber wir können den Menschen, ihrem Mut und ihrem Kampf gedenken und wir können und müssen dafür Sorge tragen, dass so etwas nie wieder geschieht.
Am 19. April 1945 haben die Überlebenden und Befreier des KZ Buchenwalds geschworen:
„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“
Liebe Anwesende, dieser Schwur gilt damals, wie heute. Lasst ihn uns nicht vergessen, lasst ich ihn Grundlage unseres Handelns sein!
Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!
Alerta!"
III. Rede von Kathrin Reinhardt (Beisitzerin)
„Der 8. Mai ist der Tag der Befreiung. Ein Tag, der uns mahnt, wohin Hass, Wegsehen und Feigheit führen. Und ein Tag, der uns zwingt zu fragen: Was bringen uns die schönsten Sonntagsreden, wenn wir im Alltag nicht danach handeln? Margot Friedländer hat gesagt: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“ Das ist kein Satz für Gedenktafeln. Das ist ein Auftrag. Ein täglicher. Ein persönlicher. Und wenn wir ehrlich sind: Wir kommen diesem Auftrag nicht immer nach. Es beginnt damit, dass manche Menschen Ideologien normalisieren, die Menschen abwerten, die demokratische Institutionen verachten, die Hass organisieren. Nicht nur in Parlament — sondern im Fußballverein, beim Grillabend, am Stammtisch. Da heißt es dann: „Der ist privat doch ganz nett.“ Aber nett ist keine politische Kategorie. Wer menschenfeindliche Positionen vertritt, ist nicht „nett“. Niemals. Und es geht weiter, wenn Mitglieder vermeintlich demokratischer Fraktionen am Schnitzel für 18,88 € kein Problem sehen. Im Nazipanzer nur einen Spielplatz. Und wer so etwas nicht erkennt oder nicht erkennen will, hat nicht nur ein Problem mit Haltung. Der reicht den neuen Rechten die Hand. Genauso wie diejenigen, die Rassismus erst dann schlimm finden, wenn die Sticker so viele werden, dass man sie nicht mehr ignorieren kann. Wenn man erst reagiert, wenn’s peinlich wird. Wenn man erst dann empört ist, wenn der Imageschaden droht. Aber Rassismus ist kein PR-Problem. Rassismus ist ein Angriff auf Menschen in den Schulen, in den Kliniken, auf unsere Nachbarn, unsere Freunde, auf unsere Stadt. Und wer erst reagiert, wenn es nicht mehr zu übersehen ist, hat vorher schon weggesehen. Und während bundesweit über bekannte Faschisten diskutiert wird, sieht die Realität vor Ort manchmal noch absurder aus: Da spielt eine Band, die in ihren Songs offen zum Mord an Abgeordneten aufruft — und die größte Aufregung gilt nicht dem Inhalt, nicht der Gewalt, nicht der Gefahr für unsere Demokratie, sondern den Verkehrskontrollen, die wegen des Konzerts nötig sind. Was läuft falsch, wenn Mordfantasien weniger Empörung auslösen als eine Polizeikontrolle, dann ist nicht der Extremist das Randproblem — dann ist es die Gleichgültigkeit der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Ja, wir müssen darüber reden. Auch wenn es unbequem ist. Was bedeutet es, wenn heute Menschen auf Gedenkveranstaltungen stehen, die Parteien oder Wählervereinigungen unterstützen, die bereitwillig einer Ideologie folgen, die Zusammenhalt, Solidarität und Demokratie vergiftet? Manche tun es aus Überzeugung. Andere, weil es so einfach ist, auf der Seite zu stehen, die gerade lauter wird. Aber Mitlaufen ist keine Entschuldigung. Und Bequemlichkeit ist kein moralischer Kompass. Es wirkt wie ein schleichendes Gift: Eines, das Nächstenliebe zersetzt, Solidarität aushöhlt, Demokratie tötet – und am Ende Menschen. Und ich frage mich — und ich frage Sie: Wie kann man dann auch Gedenkveranstaltungen stehen, am 8. Mai, und sich nicht bei jeder Silbe schämen? Schämen für das, was geschehen ist. Und schämen für den Hass, den man heute wieder säht. Wer einer Ideologie folgt, die Menschen abwertet, die demokratische Institutionen verächtlich macht und die Sprache des Hasses normalisiert, trägt Verantwortung. Nicht irgendwann. Nicht abstrakt. Sondern jetzt. Margot Friedländer hat gesagt: „Es ist eure Welt. Macht etwas daraus.“ Das heißt: Widersprechen, auch dann noch, wenn schon der 3 dritte Strich auf dem Bierdeckel ist. Haltung zeigen, gerade wenn es bequem wäre zu schweigen. Klar sein, bevor es zu spät ist. Denn Faschismus beginnt nicht mit Fackelmärschen. Er beginnt mit Wegsehen. Mit Schweigen. Mit dem Satz: „So schlimm wird es schon nicht werden.“ Doch wir wissen es besser. Wissen, wie schlimm es bereits ist. Wissen, wie schlimm es wieder werden kann. Und deshalb sage ich heute — und wir alle sollten es jeden Tag leben: Nie wieder ist jetzt. An jedem einzelnen Tag.“
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