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MG

Gedenken an Opfer der Judenverfolgung

Am 9. November wurde im Landkreis Hildburghausen bei mehreren Veranstaltungen der Opfer des Massenmordes an den deutschen und europäischen Juden durch das faschistische Deutschland gedacht. In Themar reinigte das dortige Bürgerbündnis Stolpersteine, in Schleusingen fand eine Andacht statt und in Eisfeld sprach Reinhard Schramm im Rahmen eines Konzertabends mit dem "Jerusalem Duo".
In Hildburghausen veranstalteten Schüler am Gymnasium Georgianum ein würdiges Gedenken. Zuvor legte der erste Beigeordnete der Stadt im Beisein von Stadträten der Linken ein Blumengebinde an der Gedenkstele in der Gerbergasse nieder.

Später erinnerte die Stadt Hildburghausen am Rathaus an die Deportation jüdischer Mitbürger vor 80 Jahren. Hier ergriff auch der Kreisvorsitzende der Linken, Mathias Günther, das Wort. Wir dolkumentieren sienen Beitrag nachfolgend:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenige Tage sind in Deutschland so geschichtsbeladen wie der 9. November.  

Ich möchte mich zuallererst bei den Schülern und Pädagogen des Gymnasium Georgianum bedanken, welche heute Morgen bereits mit einem eigenen Programm die historische Dimension des 9. November beleuchteten. Der Schlusssatz eures Programms war dabei der entscheidende: „Es geht um unsere Demokratie“.

Denn wenn wir heute an diesem Tag der Opfer der in ihrer Grausamkeit und Vernichtungsdimension einmaligen Verbrechen der Nazis gedenken, kann es nicht um eine Art kulturvolle Ablage des Geschehenen gehen, sondern nur um einen kontinuierlichen Prozess des Lernens und Mahnens.

Denn, um es mit den Worten von Adorno zu sagen:

„Es ist geschehen und folglich kann es jederzeit wieder geschehen“.  Deshalb lohnt auch ein Blick auf die deutsche Zeittafel jenes 9. November:

1848 : Der liberale Abgeordnete der Frankfurter Nationalversammlung Robert Blum wird ermordet

1914 : Die SMS Emden, ein Kriegsschiff der Kaiserlichen Marine, wird versenkt

1918 : Die Novemberrevolution, ausgehend von Matrosen in Kiel. Erst sie macht das Kriegsende und die Ausrufung der Republik und damit auch die Demokratie möglich. Diese wird von Anfang an durch die extreme Rechte bekämpft, bereits bei der Niederschlagung der Spartakisten und den Morden an Karl Liebknecht und der Jüdin Rosa Luxemburg in Berlin finden sich an Stahlhelmen der reaktionären Freikorps Hakenkreuze.

1923 : der Hitler-Ludendorff-Putsch in München gegen die Reichsregierung scheitert noch. Im Nazi- Deutschland wird der 9. November Feiertag.

1925: Hitler ordnet auf einem NSDAP- Parteitag die Umbenennung der Sturmkommandos in „Schutzstaffel“ an. Die SS ist faktisch gegründet.

1936 : Das vor dem Leipziger Gewandhaus stehende Denkmal des jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn Batholdy wird durch die Nationalsozialisten entfernt.

1938 schließlich: Der Scheitelpunkt der Novemberpogrome in Deutschland mit landesweiten Ausschreitungen. 400 Juden wurden ermordet oder in den Tod getrieben, 1.400 Synagogen und Betstuben sowie 7.500 Geschäfte und Wohnhäuser wurden zerstört. Es folgten Weltkrieg und Shoa - die Vernichtung der europäischen Juden. Diese „Reichskristallnacht“ war das offizielle Signal zum größten Völkermord in Europa.

Die wenigen Beispiele der Zeittafel zeigen bereits, was diesen Ungeheuerlichkeiten vorausging und weshalb sie schließlich möglich wurden. Zu viele Deutsche hatten bis dahin weggesehen oder gar aktiv mitgemacht und später von der Entrechtung der Juden auch privat profitiert.

1949:  es beginnen am 9. November die Verhandlungen von USA, GB, Frankreich und der Bundesrepublik. Sie führen zum Petersberger Abkommen; die europäische und deutsche Teilung wird nach den deutschen Staatsgründungen immer manifester.

1967: Hamburger Studentenprotestieren in Anspielung auf die NS- Vergangenheit vieler Eliten in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft gegen den damals neuen Universitätsrektor mit dem Transparent „Unter den Talaren- der Muff von tausend Jahren“. Fortan gilt dies als Auftakt der 68er Bewegung.

1969 wird im jüdischen Gemeindehaus in Westberlin eine Bombe platziert, die nicht explodiert

1974 : Nach 58 Tagen im Hungerstreik stirbt RAF-Mitglied Holger Meins

1989: Der Fall der Berliner Mauer, dem sich der Prozess der deutschen Wiedervereinigung mit lange nachwirkenden Fehlentwicklungen im Osten Deutschlands anschließt.

2001: der Bundestag verabschiedet nach Anschlägen vom 11. September in den USA das Antiterrorgesetz

2007: Der Bundestag beschließt das umstrittene Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung, welches Kritiker als Wegbereiter für einen autoritären Staat betrachten

 

Es bleibt offen, was künftige 9. November noch bereithalten. Fest steht aber für politische Beobachter, dass uns Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus weiterhin begleiten, ja sich sogar im Aufwind befinden. Es ist angesichts der vielen aktuellen Übergriffe auf Juden, ihre Restaurants oder religiösen Einrichtungen sowie der Hassreden und Aufmärsche bereits zu spät für ein „Wehret den Anfängen“.

Heute Lebende tragen natürlich keine Schuld an den Gräuel der Großeltern- Generation. Aber wir tragen die Verantwortung dafür, dass es zu keiner Wiederholung dieser Gräuel kommt. In Thüringen ist im ersten Halbjahr 2018 jede Woche mehr als eine antisemitische Straftat aktenkundig geworden, die nicht statistisch erfassten Straftaten dürften weit höher liegen.

Allerdings verwundert das auch nicht in einem Bundesland, in welchem eine Partei im Parlament hetzen darf, die 12 Jahre Nazibarbarei als „Vogelschiss“ abtut und gleichzeitig das Mahnmahl für die Opfer der Judenvernichtung als Denkmal der Schande denunziert. Kann man den Opfern von damals eigentlich noch skrupelloser und verworfener hinterher spucken?

Denn sie machen ja an dieser Stelle nicht Halt mit der weiteren Rechtsradiakislierung, diese Damen und Herren.

Wenn sich die Thüringer AfD-Fraktion in einem veröffentlichten Positionspapier gegen die 'Durchmischung der Bevölkerung mit Personengruppen anderer Hautfarbe' wendet, dann sollten bei allen Demokratinnen und Demokraten die Alarmglocken schellen, denn die Nürnberger Rassegesetze speisten sich einst aus dem gleichen inhumanen Geist. Nicht erst seit Höckes rassistischer Rede über die vermeintlichen Fortpflanzungsstrategien von Afrikanern 2015 ist klar, welch rechtslastiges Weltbild solchen Leuten zu eigen ist.

Wir wissen heute, dass es auch vor dem 9.November 1938 mit Diskriminierung, Entrechtung und Hassparolen anfing. Umso mehr müssen wir uns vehement der menschenfeindlichen Agitation der AfD entgegenstellen und für eine solidarische, tolerante und offene Gesellschaft werben.

Als Kreisvorsitzender der Linken begrüße ich, dass die Landtagsfraktionen von LINKE, SPD und GRÜNEN mit der CDU in diesem Jahr einen gemeinsamen Antrag gegen Antisemitismus beschlossen haben, mit dem künftig auch eine spezifischere Erfassung antisemitischer Straftaten durch die Sicherheitsbehörden realisiert werden soll.

Das und vieles mehr sind wir den Opfern von damals wie auch den heute Lebenden schuldig.